Kulturvermittlung im Niemandsland: Flüchtlingswohnheim St. Christoph

Seit 1991 gibt es in Freiburg das Flüchtlings- und Asylbewerberwohnheim St. Christoph. Vor dem Bau der neuen Messe befanden sich auf dem Areal noch ehemalige Kasernengebäude, die als Unterkünfte genutzt werden konnten und Platz für 680 – 700 Personen boten. Über die seitdem vor sich gegangenen Veränderungen, über die damaligen und heutigen Bewohnerinnen und Bewohner, die alltäglich auftretenden Probleme und Herausforderungen sowie ihre Aufgaben und Zuständigkeiten haben wir uns mit Doris Hoffmann unterhalten.

Doris HoffmannBrühl-Beurbarungs-Bote: Wie würden Sie die Lage des Flüchtlingswohnheimes beschreiben?

Doris Hoffmann: Die Unterkünfte der Wohnanlage befinden sich mit ihrer Lage hinter der neuen Messe und der unmittelbaren Nähe zum Industriegebiet regelrecht im Niemandsland. Durch das Fehlen einer Nachbarschaft wird das Entstehen jeglicher Kontakte zu einem näheren Umfeld leider verhindert.  Aufgrund der abgeschiedenen Lage bleiben die Menschen zwangsläufig unter sich und bilden ein eigenes kleines Dorf.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Woher kamen die Menschen zu Beginn der 1990er Jahre hauptsächlich?

Doris Hoffmann: Anfang der 90er Jahre wurden hier viele Menschen aus Albanien und dem zerfallenden Jugoslawien aufgenommen. Außerdem lebten in St. Christoph Flüchtlinge aus zahlreichen weiteren Krisen- und Kriegsgebieten, darunter Afghanen, Pakistaner und Libanesen, insgesamt bis zu 16 verschiedene Nationalitäten.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Wieviel Menschen leben heute hier? Und woher kommen sie?

Doris Hoffmann: Seit der Verkleinerung des Geländes sind die Unterkünfte noch für bis zu 230 Personen ausgelegt. Zur Zeit leben 200 Menschen hier, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Mit Ausnahme von drei Afrikanern sind alle Roma.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Unter welchen Bedingungen leben die Menschen im Wohnheim?

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Doris Hoffmann: Gesetzlich vorgeschrieben sind mindestens 4,5m² für eine erwachsene Person. Im Alltag läuft es darauf hinaus, dass sich zum Beispiel eine vierköpfige Familie ein Zimmer von 16 m2 teilen muss. Darin schlafen sie, essen, schauen Fernsehen, empfangen Besuch.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Das ist sicherlich nicht immer einfach, oder?

Doris Hoffmann: Nein, das merken wir zum Beispiel, wenn sich Lehrer über die müden Schüler beschweren, ohne zu wissen, dass die Kinder im gemeinsamen Zimmer einfach nicht zur Ruhe kommen und häufig erst viel zu spät einschlafen.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Wie lange wohnen die Flüchtlinge im Heim?

Doris Hoffmann: Das variiert stark. Die Dauer des Aufenthalts hängt mitunter davon ab, ob eine geeignete Wohnung gefunden wird.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Sie und Ihre Kollegin arbeiten zu 100% und zu 80% professionell im Wohnheim. Was sind Ihre Aufgaben?

Doris Hoffmann: Ich umschreibe unsere Arbeit gerne mit dem Begriff der „Kulturvermittlerinnen“. Die Vermittlung findet aber in beide Richtungen statt. Das, was für die Menschen hier selbstverständlich ist, ist für Andere schwer zu begreifen und umgekehrt.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Was machen Sie in Ihrer täglichen Arbeit?

Doris Hoffmann: Wir bieten täglich Sprechstunden an, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Belange und Nöte vorbringen können. Es geht dabei um Fragen bzgl. Schule, Behörden, Anwälte usw. Daneben kümmern wir uns um die Kinderbetreuung. Das reicht von der Unterbringung der Kleinsten in Kindergärten, über die schulische Betreuung der Älteren bis hin zu Sprachkursen für die Erwachsenen.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Wie gelingt Ihnen das?

Doris Hoffmann: Große Mühe haben wir zur Zeit, für 10 Kinder noch einen Kindergartenplatz zu finden. Dabei ist es gerade in diesem Alter sehr wichtig, dass die Kinder mit Gleichaltrigen aufwachsen. Für Kinder im Grundschulalter gibt es eine Zusammenarbeit mit der „Tullaschule“: Dort werden die Kinder zunächst in separaten Klassen unterrichtet, bevor sie regulären Klassen zugeteilt werden. Dann gibt es noch die vom Caritasverband geführte Internationale Schule am Römerhof, in der Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre den Hauptschul- oder den Werkrealschulabschluss erwerben können.

St_Christoph_01Brühl-Beurbarungs-Bote: Wer unterstützt Sie noch?

Doris Hoffmann: Tatkräftig zur Seite stehen uns eine sogenannte „Bürgerarbeitskraft“ und eine Teilzeitkraft vom Bürgerverein Mooswald. Außerdem unterstützen uns ca. 20 sehr engagierte Ehrenamtliche, meist Studentinnen und Studenten. Die 2011 gegründete Initiative „Schlüsselmensch“ vermittelt u.a. Patenschaften zu Flüchtlingskindern.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Welche Aufgaben übernehmen diese?

Doris Hoffmann: Vorwiegend von den bezahlten Helferinnen und Helfern werden 2x wöchentlich eine Kleinkinderbetreuung für eine Gruppe von 6-8 Kindern sowie werktags täglich von 14:30-16:30 Uhr eine Hausaufgabenhilfe angeboten. Darüber hinaus gibt es noch Deutschkurse für Frauen und Männer, die sehr gut angenommen werden.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Wie verbringen die Erwachsenen ihre Zeit im Wohnheim?

Doris Hoffmann: Für die Erwachsenen ist es sehr schwer, Fuß zu fassen. Im ersten Jahr haben die Flüchtlinge Arbeitsverbot, im zweiten dürfen sie nur auf Antrag des potentiellen Arbeitgebers und einer Vorrangprüfung von EU-Bürgern und deutschen Arbeitskräften arbeiten. Wenn sich also ein gleich Qualifizierter aus diesen Gruppen findet, so haben Flüchtlinge das Nachsehen. Erst nach 4 Jahren erhalten sie eine eingeschränkte Arbeitserlaubnis.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Wie steht es um die Qualifizierung der Flüchtlinge?

Doris Hoffmann: Viele haben kaum oder keine Berufsausbildung, geschweige denn überhaupt eine Schulbildung. Das macht es sehr schwierig, die Erwachsenen „in Arbeit zu bringen“.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Wie sieht es um die Zukunft des Wohnheims aus? Was wird sich ändern?

Doris Hoffmann: Es ist nicht zu übersehen, dass die Gebäude, genauer gesagt die Wohncontainer, mittlerweile ziemlich in die Jahre gekommen sind. Bei einem Ortstermin ist vom Gemeinderat Handlungsbedarf anerkannt worden. Ein Gebäude wurde bereits neu gebaut, die anderen sollen nach und nach durch moderne ersetzt werden.

Brühl-Beurbarungs-Bote: Vielen Dank für das Interview.

Doris Hoffmann, Sozialpädagogin, lebt seit 32 Jahren in Freiburg. In ihrer Freizeit entspannt sie beim Lesen und Schauen von Fußballübertragungen und direkt vor Ort.

Für weitere Informationen: www.initiative-schluesselmensch.org

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