Ein Blumenstrauß an Angeboten: Die Initiative Schlüsselmensch e.V.

Die 2011 gegründete Initiative vermittelt PatInnen für Kinder, die mit ihren Eltern im Asylwohnheim St. Christoph in der Hermann-Mitsch-Straße leben. Derzeit gibt es 20 PatInnen, die mit den Kindern Hausaufgaben und Ausflüge machen und ihnen auf diese Weise ermöglichen wollen, Anschluss zu finden.

Laura Gorriahn Daniel Kumar

Brühl-Beurbarungs-Bote: Kannst du uns die Initiative bitte kurz vorstellen?

Laura Gorriahn: Kernstück unserer Initiative ist es, Patenschaften zu vermitteln zwischen jungen Menschen und Kindern aus dem Wohnheim. Die Patenschaften sollen im besten Fall mehrere Zwecke erfüllen. Einerseits sollen die Kinder in schulischen Belangen unterstützt werden und andererseits gibt es Freizeitangebote, die die Kinder so einfach nicht haben, da sie in diesem Heim leben – am Rande der Stadt und auch in vielerlei anderer Hinsicht am Rande der Gesellschaft.

BBBote:  Welche Kinder bekommen eine Patin oder einen Paten und gibt es Sprachprobleme?

L. Gorriahn: Wir betreuen ganz unterschiedliche Kinder. Manche sind hier geboren und bereits seit 12 Jahren hier, andere erst seit einem halben Jahr. Somit sprechen die Kinder ganz unterschiedlich gut deutsch. Viele der Kinder sprechen einen starken Soziolekt und wir zeigen Ihnen, dass sie sich eben auch anders ausdrücken können oder  wie  bestimmte Worte richtig ausgedrückt werden. Im Soziolekt liegt eine große Stigmatisierungsgefahr für das weitere Leben der Kinder.

BBBote: Gibt es bestimmte Kriterien, die ein Kind erfüllen muss, um eine Patin bzw. einen Paten zu bekommen?

L.Gorriahn:  Darum kümmern sich im Grunde die Sozialerbeiterinnen des Wohnheims. Aber man kann sagen, dass versucht wird, Kinder zu vermitteln, die dringend zusätzliche Betreuung  benötigen,  oder solche Kinder, die sich besonders anstrengen und auch in der Schule weiterkommen möchten. Wie sich aber dann die Patenschaften ausgestalten, das ist relativ frei.

BBBote: Wie kommt das denn so an bei den Familien, fühlen sich auch manche gestört?

L.Gorriahn: Wir haben noch nichts Negatives erlebt. Es ist auch so, dass zunächst die Eltern zustimmen müssen, dass ihr Kind mitmacht.

BBBote: Und wie kommt ihr bei den Kindern an?

L. Gorriahn: Die Kinder nennen uns Partners und die Partners sind heiß begehrt und ein großes Thema unter den Kindern. Die Kinder fragen auch: „Wann kriege ich einen Partners?“ Es ist sehr schwierig, dass sich die Kinder, die noch keine Patin oder keinen Paten haben, nicht benachteiligt fühlen. Wir versuchen, dass es in möglichst vielen Familien PatInnen gibt, und wir auf diese Weise auch die Geschwisterkinder mit im Blick haben.

BBBote: Ihr macht auch Ausflüge?

L. Gorriahn: Ja. Wir können zwar auch  zu diesen Gelegenheiten nicht alle Kinder mitnehmen, aber immerhin kleinere Gruppen.

BBBote: Gibt es eigentlich auch Angebote für die Erwachsenen,  eventuell von anderen Initiativen oder der Stadt?

L. Gorriahn: Ja, die gibt es, allerdings sind diese nicht  sehr üppig.  Dazu zählen beispielsweise Deutschkurse für Frauen oder für Männer.  Doch trotz der Unterstützung der Sozialarbeiterinnen sind die Möglichkeiten der Betätigung äußerst eingeschränkt. Aus meiner Perspektive werden diese Menschen sehr allein gelassen, da  sie in ein Heim gesteckt werden und dort auf engstem Raum zusammenwohnen müssen.

BBBote: Wie viele Personen wohnen denn in einer Wohnung?

L. Gorriahn: Mindestens zwei Familien teilen sich eine Vierzimmerwohnung. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kinder in der Schule zapplig sind und sich nur schwer konzentrieren können. Das sind ganz andere Bedingungen, unter denen die Kinder dort leben. Abends werden die Matratzen heruntergeklappt und aus dem Wohnzimmer wird das Schlaflager. Ruhe oder Rückzug sind dort nicht möglich.

Außerdem sind noch weitere Beschränkungen eine Zumutung. Nur mit Chipkarten dürfen die Leute in vorgeschriebenen Läden wie Penny oder Lidl eine sehr begrenzte Auswahl an Produkten, etwa Brot und Käse, einkaufen. Zusätzlich stehen ihnen dann noch ca. 40 Euro für den gesamten Monat zur Verfügung.

BBBote: Wie soll es denn weitergehen mit der Initiative Schlüsselmensch?

L. Gorriahn: Wir wollen unsere Professionalisierung vorantreiben und unsere Struktur weiter ausbauen, so dass wir in Zukunft u. a. eine Referentin bzw. einen Referenten für Öffentlichkeitsarbeit haben, die/der auch Anfragen von außen bearbeiten und beantworten kann. Grundsätzlich ist es aber gut, dass wir hier regional vor Ort sind, weil so viele Dinge viel einfacher gelöst werden können.

BBBote: Wie werdet ihr denn von außen wahrgenommen?

L. Gorriahn: Wir bekommen Anfragen für Interviews oder Radiobeiträge und empfinden das natürlich  sehr positiv. Wir haben uns jetzt auch  um zwei Preise beworben, den Jugendfriedenspreis der deutschen Gesellschaft für vereinte Nationen und den Alumnipreis für soziales Engagement der Uni Freiburg.  Allerdings fällt mir auf, dass unsere Initiative zwar oft wahrgenommen wird, nicht unbedingt jedoch  die wirklichen Probleme. Und das ärgert uns. Denn wir haben die Initiative gegründet,  um diesen Kindern  zu helfen, die keine Betreuung und keinen Zugang zu dieser Gesellschaft haben. Diese Kinder können  nicht teilhaben, weil  ihnen  bereits die Mittel  dazu vorenthalten werden.

BBBote:  Zusammenfassend könnte man sagen, dass euer Angebot  einen kleinen  Beitrag dazu leisten soll, damit sich diese Menschen  auf einem großen Feld voller Schwierigkeiten  besser zurechtfinden.

L. Gorriahn: Ja, wir wollen einen Blumenstrauß an Angeboten mitbringen und auf diese Menschen in ihren schweren Lebenslagen zugehen. Eigentlich  müssten die Aufgaben, denen wir uns widmen, von  vielen Menschen in einer Zivilgesellschaft übernommen werden.  Außerdem sollten meiner Meinung nach  staatliche Stellen mehr Hilfestellung leisten. Es ist doch klar, dass gerade Kinder und Jugendliche, die in ein für sie fremdes Land kommen und dessen Sprache noch nicht beherrschen,  zunächst Hilfe in allen Lebenslagen brauchen. Da gibt es tausend Sachen, die man verbessern könnte.

BBBote: Wie seid ihr eigentlich auf euren Namen gekommen?

L. Gorriahn: Uns fiel ein Artikel über einen jungen Arzt in die Hände, der als Flüchtling  nach Deutschland gekommen war. Er berichtete über wahnsinnig viele Hürden, die er zu meistern hatte – aber er ist ein totaler Bildungsaufsteiger, der am Ende Medizin studierte. Und er sagte eben, dass er immer wieder auf Menschen traf, die ihm halfen, über diese Hürden zu klettern. Und diese nannte er Schlüsselmenschen. Und genau so etwas wollen wir auch sein.

BBBote: Vielen Dank für das Interview.

Daniel Kumar

Laura Gorriahn studiert Politikwissenschaften an der Uni Freiburg.

Für mehr Informationen besuchen Sie doch einfach die  Website der Initiative:

 http://initiative-schluesselmensch.org/

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