Früher in der Beurbarung: Der Zugi kommt!

Liebe Leserinnen und Leser des Brühl-Beurbarungs-Boten! Bereits ab Ende der 1970er Jahre brachte der SPD Ortsverein Brühl-Beurbarung über einen längeren Zeitraum eine eigene Zeitschrift, „Das Blättle“, heraus.

Vor einigen Monaten hat Frau Gertrud Schneider, die sich mehrere Jahrzehnte als Bewohnerin der Beurbarung für ihren Stadtteil und den SPD Ortsverein engagierte, diverse Unterlagen an uns abgegeben. Darunter befinden sich u. a. eine Mitgliederliste des damaligen SPD Bezirksvereins Beurbarung vom März 1952 und die beiden ersten Nummern des „Blättle“. In der ersten Nummer erschien auch ein Interview mit Hermann Zugschwert, in dem er über seine Kindheit und Jugend in der Beurbarung und persönliche Erlebnisse während der NS-Zeit berichtete. Seine anschaulichen, zum Teil sehr amüsanten Schilderungen wollen wir Ihnen deshalb an dieser Stelle noch einmal präsentieren.

Früher in der Beurbarung: Der Zugi kommt!

Hermann Zugschwert, 1904 in einem der kleinen Häuser der Beurbarungsstraße geboren und aufgewachsen, lebte als Rentner mit seiner Frau in der Emmendinger Straße und war ein sehr aktives SPD-Mitglied.

IMG_2801

Blättle: Herr Zugschwert, wie war es früher in Ihrem Elternhaus?

H. Zugschwert: Wir waren zu Hause  5 Kinder, und ich war das Dritte. Mein Vater hat in der Schloßfabrik in der Lehener Straße gearbeitet, und meine Mutter hat noch am Wäschezuber bei einer Herrschaft geschafft, [sie hats aber nicht nötig gehabt].

Das Verhältnis zu den Eltern war ganz gut. Früher hat man aber das Geld nicht gehabt, das man heute hat. Ich bekam damals, 19 Jahre alt, in 14 Tagen 50 Pfennig Taschengeld vom Vater. Da hat man 2 oder 3 Schachteln Zigaretten kaufen können, mehr hat man nicht gehabt.

Wir haben immer genug zum Essen gehabt, auch während des Krieges. Mein Vater war vom Schwarzwald und meine Mutter aus Köndringen und da ist immer zugeschustert worden.

B.: Wo sind Sie in die Schule und was haben die Kinder früher gemacht?

H.Z.: Wir Kinder in der Beurbarung sind einmal in die Stühlinger  Schule und dann wieder in die Karls- oder Lessingschule und so sind wir jedes Jahr wieder woanders hingekommen. Die Lortzingschule gab es ja noch nicht. Wir haben alles tipple müssen. Ein Fahrrad oder Straßenbahngeld hat man von den Eltern nicht gekriegt, da hat es anders ausgesehen als heute. Wir sind immer Mehrere gewesen, die [auch] in  der Schule Fußball gespielt haben. Wir haben immer Fußball gespielt. Das hätten wir nicht sollen, denn dann sind wir zu spät gekommen. Ich haben einen Schulranzen gehabt, einen guten ledernen, mit dem bin ich Schlitten gefahren, die Unterführung oben runter. Das ist auch gelaufen.

Früher war es streng in der Schule. Da hat man halt den Ranzen vollgekriegt. Wir haben manchmal den Hosenspannes  gekriegt. Heute darf ja kein Lehrer mehr hauen. Wir haben  [ständig] Tatzen bekommen. Und da habe ich hingehoben und habe weggezogen, und der Lehrer hat sich auf die Knie gehauen! Und einmal haben meine Kameraden gesagt: Herrmann, geh und schau daß du bald dran kommst. Dann hat mich der Lehrer über die Bank gelegt: Auf einmal hat es getrommelt hinten! Ich hatte eine Pfanne in der Hose gehabt! Für den Lehrer haben wir  [öfters] Haselnußstecken vom Schloßberg oben holen müssen. Jeder hat in der Mitte eingehauen. Hat der Lehrer einmal draufgeschlagen, dann ist der Stecken in die Höhe, und er hat nichts mehr in der Hand gehabt. Er hat uns nicht mehr fortgeschickt.

Hausaufgaben hat es auch gegeben, aber die habe ich die Hälfte der Zeit nicht gemacht. Ich habe keine Zeit gehabt, weil man ja Gaunerstreichle geliefert hat.

Wir Kinder sind viel zusammmen gekommen, gerade auf dem Platz zwischen den kleinen Häusern in der Beurbarungsstraße, und dann ging es los. Das hat manchmal wieder eine Scheibe gekostet. Wir haben viel in der Beurbarung gespielt und dann auch drüben auf dem Kickplatz und dem Steinhauerplatz, dort, wo heute die Lortzingschule steht. Und daneben  [wohnte] der Straßenwart Lickert. Da haben wir einmal den Spritzenwagen, den sie früher am Randstein entlang gezogen haben, anstatt mit Wasser mit Sand bis oben hin gefüllt. Der Lickert hat ihn fortgezogen, und es ist nichts herausgekommen. Er hat den ganzen Wagen putzen müssen! Ein anderes Mal haben wir den Kinderwagen der Eierfrau zusammengebunden und abgeschlossen. Wir haben sie dann zum Schlosser in die Münchhofstraße geschickt. Als sie wieder gekommen ist, war der Wagen auf!

Ja, wir haben Zicken geliefert, da gab es jeden Tag etwas anderes. Mich haben alle gefürchtet, man bloß gesagt: Jetzt kummt der Zugi!

B.: Was haben Sie nach der Schule gemacht, Herr Zugschwert?

H.Z.: Nach dem 8. Schuljahr bin ich beim Schloßkromer als Schlosser in die Lehre. Ich habe Zünder für Granaten gebohrt. Das war während des 1. Weltkrieges, und es gab Nachtschichten von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens. Auch für uns junge Kerle. Als 1922 mein Vater gestorben ist, habe ich gekündigt. Zuerst bin ich zu einem Gemüsegeschäft. Der Händler war ein guter Stahlhelmmann, und da habe ich ziemlich viel mitgemacht. Der Stahlhelm war ja gegen die SPD. Er hat gewußt, daß ich beim Reichsbanner war, weil ich die Mütze auch hinten im Geschäft aufgehabt habe. Da habe ich nicht danach gefragt. Oben im Geschäft wohnte ein Kriminalbeamter. Der war ein Nazi und hat einen „Scheiß-hausdeckel“ getragen. Das war das Parteiabzeichen der NSDAP. Wie haben bloß „Scheißhausdeckel“ gesagt, da hat es nichts gegeben. Nach  [der Zeit im] Gemüsegeschäft bin ich zur Stadt ins Gaswerk [gewechselt]. Dort bin ich gleich ins Feuerhaus gekommen und musste Gas machen. Wir haben gute Arbeit gehabt. Anfangslohn 65 Pfennig in der Stunde. Das war gut bezahlt für unsere Arbeit. 1933 bin ich dann entlassen worden, weil ich in der SPD war. Die meisten, die in der SPD waren, haben ihre Arbeit verloren. Hauptsächlich [betraf dies die Angestellten] bei der Stadt. Du bist nirgends mehr untergekommen und warst erwerbslos. Ich habe jeden Tag stempeln gehen müssen. Fürs Geld vom Arbeitsamt hat man bei der Stadt Pflichtarbeit machen müssen. Einmal habe ich beim Stadttheater und einmal beim Gartenbauamt gearbeitet. Überall wollten sie mich behalten. Aber dann hätte ich die SA-Uniform anziehen müssen. Ich habe gesagt: Da friß ich lieber bloß jeden Tag Kartoffelsuppe, aber in die SA-Uniform bringt ihr mich nicht! Von der Schweiz her hat die SPD noch Papiere verkauft. Auch bei mir. Wie oft habe ich Hausdurchsuchungen gehabt! [Daheim.] Die haben aber nichts gefunden. Ich hab es vergraben. Auf dem Abort habe ich die Dielen gelupft und alles drunter gelegt. Die sind drüber gedappt. Und als wir beim Güterbahnhof mit roter Menning Parolen auf die Straße schmieren wollten, sind uns die Nazis mit einem Auto  [gefolgt]. Das Auto haben wir gehoben und rumgedreht, und einer [der Nazis] ist in den Farbhafen geflogen!

B.: Herr Zugschwert, wann sind Sie in die SPD eingetreten?

H.Z.: Das war 1922. Damals haben wir gehörig Leute beieinander gehabt! Als wir dann das Reichsbanner gegründet haben, haben wir einen großen Zug gehabt, weiß Gott wie groß.

Stadtplan_Freiburg_im_Breisgau_1931

This image is in the public domain because its copyright has expired.
This applies to Australia, the European Union and those countries with a copyright term of life of the author plus 70 years.

 

B.: Wie sah es früher in der Beurbarung aus?

H.Z.: Die obere Beurbarungsstraße stand noch nicht. Dort waren Gärten. Auch die Konradin-Kreutzer-, Friedhofstraße, Rennweg, Lortzingstraße waren noch nicht bebaut. Da waren Matten. Die Kandelstraße schon. Dort  [stand] früher das Freudenhaus.

B.: Was meinen Sie, wenn Sie heute mit früher vergleichen?

H.Z.: Früher war es schöner. [Vor allem] Kinder haben es früher schöner gehabt. Da hat man auf der Straße noch kicken können. Da ist kein Auto gekommen, so ein Scheißkarren. Es war ruhiger. Aber eine Frau hat mehr Arbeit gehabt, als ein Mann. Heute haben es die Frauen besser.

Frau Zugschwert: Ich habe in der Fabrik geschafft. Wir haben alles nur Akkord geschafft. Und was ist Akkord? Akkord ist Mord!

B.: Wir danken für das Gespräch.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s